Archiv für Februar 2013

Dresden beschäftigt.

Viel zu oft wurde mir in den letzten Tagen diese Stadt im Osten ins Gedächtnis gerufen. Meist mit unangenehmen Meldungen.
Doch eins nach dem anderen. In dem Land, in dem selbst Gedenktage ihre deutsche Ordnung brauchen, behandeln wir Fußball und Politik gemäß bester Bürgertugend getrennt. Erst die Nazis und ihre vermeintlichen Gegner*innen und dann der Fußball.

Zuerst muss klargestellt werden:
Nazis gestoppt! Stark! Glückwunsch an alle Blockierer*innen! Ihr seid die Besten!

Doch irgendwie störte auch dieses Jahr wieder eine riesige Masse an Vollidiot*innen das positive Ergebnis der Proteste.
Das Hamburger Abendblatt bringt es auf den Punkt:

„Dresden wehrt sich mit Menschenkette gegen Neonazis – Mehr als 10.000 Menschen schützen die Innenstadt symbolisch. Rechtsextremisten wurden so an Aufmarsch gehindert.“

Glückwunsch, liebe Abendblatt Autoren, ihr suggeriert mit eurem Artikel, dass eine Menschenkette einen Naziaufmarsch stoppen könnte! Quatsch! Im Artikel werdet ihr dann noch ein wenig differenzierter, ändert aber nix daran, dass die Überschrift alle verhöhnt, die wirklich was gegen Nazis tun!

Dass die Polizei dann auch noch das wirklich würdige Gedenken an die Auflösung von „Take That“ vor der Frauenkirche störte, ist nur ein weiteres gutes Argument Dresden und Sachsen zu hassen. (Hintergrund)

Auf Twitter wurde die angeblich Naziaufmarschverhindernde Menschenkette schön zusammengefasst:

Spiegel Online schreibt dazu „Tausende bilden Menschenkette gegen rechts“, ich möchte sehr stark bezweifeln, dass es sich hier um eine Menschenkette „gegen rechts“ gehandelt hat, wenn dann „gegen rechtsradikal“ denn ansonsten hätte die CDU dort gegen sich selbst eine Menschenkette veranstaltet.
Genug dazu, es wurde in den letzten Jahren schon an vielen Stellen darauf hingewiesen, warum Menschenketten scheiße sind und es von direkten Aktionen bis Blockaden viel geeignetere Mittel gibt einen Aufmarsch von solchen Trotteln aufzuhalten.

Ein weiteres Beispiel warum das Gedenken scheiße ist, liefert dieser Herr:
DummerOpa
Genau. In der Hitlerjugend gab es keine Randale. Nur disziplinierte Vorbereitung auf den notwendigen Fronteinsatz. Halts Maul, Flakopa!
Jeder weitere Kommentar überflüssig.

Nun aber zum eigentlichen Anliegen dieses Blogeintrags,

Dynamo Dresden beim 1. FC Kaiserslautern.
Im Stadion gab es Einsatz von Pyrotechnik verschiedener Art. Nach dem Spiel kam es zu Auseinandersetzungen zwischen einigen Dresdnern, die K‘Lauterer Shuttlebusse angriffen, die wohl irgendwie im Weg waren, und der Polizei.
Nun gut, da ist viel Mist passiert, kann und will ich nicht wegreden.
Doch schauen wir uns mal, stellvertretend für viele Nachrichtenmagazine, die Berichterstattung von SpiegelOnline an.
Zuerst wurde nur ein rein sportlicher Bericht geliefert. Die Pyroeinlagen des Dresdner Anhangs war wohl noch keinem aufgefallen. Leider ist gerade nicht mehr herauszubekommen, welcher der nächsten zwei Artikel als erstes veröffentlicht wurde. Tut aber auch nicht wirklich was zur Sache. Erschienen sind ein Artikel der darauf Bezug nimmt, dass Dresden seine eigenen Fans für drei Spiele aussperrt sowie ein weiterer Artikel, der extrem subjektiv aus dem Dresden Fanblock sowie von den Geschehnissen außerhalb des Stadions berichtet.
Aufmacher Pyrotechnik, dann „Gewaltexzesse“, „Hooligan-Krawalle“. Verletzte durch Pyrotechnik – Fehlanzeige. War nicht anders zu erwarten. Mal wieder eine Vermengung von Dingen die nicht vermengt gehören. Klare Trennung von Inhalten würden einer fruchtbaren Diskussion zuträglich sein.

Dazu das Befindlichkeitsgeseier eines Dresdenfans. Ist solch ein subjektiver Erguss eines gefühlsduseligen 25-Jährigen eines Nachrichtenmagazins würdig? Sollte er nicht sein. Nunja, jede Gesellschaft bekommt das „Leitmedium“, das sie verdient.
Ein Nachrichtenmagazin sollte meiner Meinung nach Anspruch auf Objektivität haben, dies kann nicht geschehen, wenn mensch einen Augenzeugen der, offenbar noch geschockt vom erlebten, einen völlig aufgebauschten Artikel schreiben lässt. So etwas mit nur 3 läppischen Sätzen einzuleiten ist kein Journalismus.
Auch die Wortwahl lässt zu wünschen übrig, die Definition von „Bürgerkrieg“ müsste der Betroffene bitte noch einmal nachschlagen, denn von einem bewaffneten Konflikt kann hier ja wohl nicht die Rede sein und ein Bürgerkrieg ist erst dann ein Bürgerkrieg wenn

ein bewaffneter Konflikt auf dem Gebiet eines einzigen Staates zwischen mehreren inländischen Gruppen, häufig mit Einwirkung ausländischer Mächte

zu erkennen ist.

Ich möchte dem Berichtenden nicht absprechen, dass er geschockt ob des Erlebten ist/war, ich möchte ihm auch nicht absprechen, dass er vielleicht dachte, dass ein Bürgerkrieg eventuell so aussehen könnte. Und ich glaube dem Berichtenden, dass diese Situation in einem Bus zu sitzen und von außen attackiert zu werden, furchtbare Angst hervorrufen kann. Es würde mir vermutlich nicht anders gehen.
Ich möchte einem Nachrichtenmagazin aber den Status eines Nachrichtenmagazins absprechen, wenn es so meinungsmachende subjektive Artikel veröffentlicht ohne sie in irgendeiner Weise zu kommentieren und dabei völlig außer Acht lässt, dass Pyrotechnik und die nach dem Spiel stattfindende Gewalt eben nicht, wie es aber leider immer praktiziert wird, in eine Schublade gehören. Denn ansonsten denke ich bald an „Bengalos“ statt an „Bengalen“ wenn mal wieder über Konflikte in Südostasien berichtet wird. Verhältnismäßigkeit und so.

Gut genug aufgeregt.
Ach nein, da ist ja noch der Verein, Dynamo Dresden.
In vorauseilendem Gehorsam hat Dynamo Dresden beschlossen seinen Fans für die nächsten drei Auswärtsspiele keine Karten zu verkaufen. WAS GEHT??! Sogar die DFL hat inzwischen begriffen, dass es uncool ist Menschen auf dem Stadion auszusperren. Dynamo selbst hat Karten für ein Geisterspiel verkauft um dagegen zu protestieren. UND NUN??! …machen die die selbe Scheiße auch noch mit. Warum tut ein Verein so etwas? Pure Verzweiflung nehme ich an.
Mit einer Reaktion wie dieser unterstützt Dynamo Dresden die inzwischen sogar von einigen Mainstreammedien kritisierte DFB-Gerichtsbarkeit und fällt somit Vereinen, die gegen einen Ausschluss ihrer Fans ankämpfen in den Rücken. Sogar sich selbst.

Und was ist die Wirkung in der eigenen Fanszene?
Ich denke gar keine. Die „friedlichen“, gewünschten Fans müssen kollektiv mit vor den Stadiontoren und/oder in Dresden bleiben, die vermeintlichen „Störer“ fahren eh überall hin, egal ob sie ins Stadion kommen oder nicht. Frankfurt und Union haben es vorgemacht, vielleicht machen es Dresden und Union ja genauso. Wünschenswert wäre es, um solche Strafen ad Absurdum zu führen.
Da alle ausgesperrt werden, wird ebenso noch ein Effekt eintreten, der von den Verantwortlichen sicher nicht so geplant ist: Mindestens Einige werden sich untereinander solidarisieren und eine Ausgrenzung oder Distanzierung von den vermeintlichen „Störern“, wie von vielen Menschen gefordert, wird immer unwahrscheinlicher.

Also liebe Dynamo, Schuss in den Ofen! Eigentor! Hinsetzen, 6!