Non established.

„Sicheres Stadionerlebnis“. Ich weiß nicht einmal, was mir mit dem Begriff „Stadionerlebnis“ nahegelegt werden soll – Das Fußballstadion wird also zu einem Erlebnispark, der möglichst lukrativ/rentabel/profitabel ausgeschlachtet werden soll. Nun denn, nothing new. Der Fußballfan an sich scheint eine besonders gefährliche Art Mensch zu sein, wenn es doch nun ein 33 (In Worten: dreiundreißig)-seitiges Konzeptpapier zum Thema „Sicheres Stadionerlebnis“ gibt. Schauen wir uns doch dieses Konzept mal in Auszügen (ungeordnete Reihenfolge) an:

Wenn andere Maßnahmen nicht zu der Lösung der Problematik führen, sollen weitere Handlungsmöglichkeiten wie die Verbesserung der infrastrukturellen Möglichkeiten für eine angemessene Personen-Körperkontrolle in den notwendigen Stadionsektoren (z.B.

Errichtung von Containern statt wie z.T. bisher Zelte) zur Verfügung stehen, um etwaige Vollkontrollen zügig und ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte durchzuführen.

(Seite 10)

und ergänzend dazu auf Seite 20 unter „Mögliche Einzelmaßnahmen der Clubs, die mit DFL/Ligaverband abgestimmt werden bzw. als Auflage/Weisung vorgegeben werden können (ggf. auch in sportgerichtlichen Verfahren durch DFB- Sportgericht)“:

Durchführung von „Personen-Körperkontrollen“ beim Eingang zu bestimmten Bereichen, z.B. bei Pyrotechnik-Vorfällen in der Vergangenheit in diesen Stadion-Bereichen und ggf. bei Spielen mit erhöhtem Risiko.

Nun denn, mit der Optimierung der Infrastruktur ist wohl ganz klar gemeint, dass bessere Möglichkeiten zu intensiven Personen-Kontrollen geschaffen werden sollen. Intensive Personen-Kontrollen in Form von – natürlich – Ausziehen vor dem Stadionbesuch. Und das „ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“ – wie darf ich das also verstehen? Es ist in Zukunft also vermehrt vorgesehen, dass ich mich vor dem Stadionbesuch auf Verdacht (!) vor den Ordner_Innen entkleide? Dieses Vorgehen wird nun fest in die Einlasskontrollen mit aufgenommen?

Dieses Vorgehen soll nicht allgemein schon ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte sein? Wenn ich mich vor einem Stadion vor Privatpersonen entkleiden muss, dann ist es wenigstens besser dies in einem Container zu tun als in einem Zelt? Ich weiß nicht, wie es Euch dabei geht, aber mir wird dabei übel.

Interessant finde ich auch folgenden Auszug:

Sinnvoll und erforderlich ist hier eine „Selbstbindung“ der Clubs, so z.B. keine Eintrittskarten mehr an Fanclubs zu vergeben, welche nicht bereit sind, eine Fanvereinbarung mit den genannten Mindestinhalten (Gewaltfreiheit, Anerkennung Stadionordnung etc.) abzuschließen, oder welche diese Mindestinhalte nach Abschluss der Fanvereinbarung nicht beachten; oder z.B. den Fanclubs das Mitführen von „Blockfahnen“ und Bannern zu verbieten, wenn diese zur Verschleierung der Täterschaft bei Einsatz von Pyrotechnik bzw. überhaupt zur Ermöglichung von Pyrotechnik missbraucht werden.

Das ist natürlich eine tolle Idee. Wir alle, alle Fanclubs einigen sich auf einen Umgang miteinander. Wir binden uns also selbst und übernehmen natürlich pauschal eine Kollektivschuld dafür, was hinter & unter einer Blockfahne passiert. Insbesondere ist dabei auch interessant, dass der Begriff der Gewaltfreiheit verwendet wird, bei dem man sich prinzipiell ja schon einmal fragen muss, was dieser denn beinhalten soll. So frage ich mich, wann Gewaltfreiheit anfängt und wann sie aufhört. Uns wird vom Rechtsstaat die Möglichkeit der Notwehr eingeräumt und im Fall der Fälle werde ich davon auch sicherlich Gebrauch machen – die Frage ist, ob dies für mich dann anschließend mit einem Stadionverbot geahndet wird.
Natürlich ist dies polemisch & natürlich sollte man prinzipiell erst einmal davon ausgehen, dass im Falle der Notwehr für einen entschieden wird – allerdings, und ich denke, das ist jedem bekannt, liegen recht haben und recht bekommen oft weit auseinander.

Interessant ist auch, dass im gleichen Zusammenhang auf Seite 13 Folgendes gefordert wird:

Anerkennung der geltenden Vorschriften (z.B. gesetzliche Grundlagen, wie Versammlungsstätten VO, sowie DFB-SicherheitsRL und Stadionordnung) u.a. im Hinblick auf das Verbot von pyrotechnischen Gegenständen.

und ergänzend dazu auf Seite 19 noch einmal explizit auf das Vermummungsverbot hingewiesen wird:

Anpassung und Fortentwicklung der Stadionordnung (z.B. Vermummungsverbot einführen z.B. VII. Nr. 2 Musterstadionordnung, siehe auch schon VII. Verbote Nr. 1 e) Musterstadionordnung (Verbot des Einbringens von Gegenständen, die dazu bestimmt sind, Feststellung der Identität zu verhindern).

Auf der einen Seite wird also gefordert, dass gesetzliche Grundlagen anerkannt werden – zu denen im Übrigen auch das Vermummungsverbot gemäß Versammlungsgesetz gehört, auf der anderen Seite muss hierüber aber nochmal eine gesonderte Vereinbarung getroffen werden. Ja, stimmt schon:
Sicher ist sicher.

Ein besonderes Schmankerl ist übrigens das Beispiel der Fancharta vom SV Werder Bremen im Konzeptpapier – weil dieses ja (Achtung: Ironie) von so vielen Fanclubs unterschrieben wurde. Haha. (Mehr dazu übrigens hier: http://neinzumkodex.blogsport.de/)

Aber frei nach dem Motto: Man soll auch das Positive sehen, möchte man noch eine ständige Kommission „Sicheres Stadionerlebnis“ einrichten und Fan-Awards für positives Fanverhalten verleihen. Wie auch immer positives Fanverhalten aussehen soll? Vielleicht weil man gemäß Seite 26 bei der „Ermittlung der Täter“ mitgewirkt hat und so die Kollektivstrafe aller mindern konnte. Damit die DFB-Rechtsorgane folgende mögliche Strafen

z.B. nur noch 5% (Anm. d. Redaktion: Kartenkontingent) insgesamt, nur noch Sitzplätze u.ä. .

dann im Nachhinein vielleicht doch noch reduzieren kann.

Zum Schluss fasst die DFL noch die Forderungen an Dritte zusammen. Mit „Dritte“ sind in diesem Fall Polizei und Justiz gemeint:

• Mögliche Forderungen an den Gesetzgeber: Anpassung des Sprengstoffgesetzes im Hinblick auf Pyrotechnik
• Polizei & Justiz (StA und Gerichte) • mehr Transparenz: Auskünfte über Stand von polizeilichen Ermittlungen gegen Tatverdächtige
• Abschreckung durch sofortige Ermittlung von Tatverdächtigen
• konsequente Durchsetzung des Gewaltmonopols des Staates, Beachtung des Legalitätsprinzips
• konsequente und schnelle Durchführung von Ermittlungs- und Strafverfahren
• Aktualisierung / Überprüfung der Einträge der Datei „Gewalttäter Sport“
• Mitteilung von Identitätsfeststellungen durch die Polizei • Vermehrte Anwendung beschleunigter Verfahren

Die DFL hat schon recht. Die Polizei & der Staat machen scheinbar ihre Jobs nicht. Nur so kann es sein, dass der Fußballfan zu einer ganz besonders gefährlichen Menschenart gehört.

Es stellt sich die Frage, wie es denn sein kann, dass ein Dr. Gernot Stenger an diesem Papier mitgearbeitet hat. Wie es sein kann, dass ein Vorstandsmitglied des FC St. Pauli ein solches Papier unterstützt.

Das Konzept ist ein Entwurf und soll am 12.12.2012 von der Mitgliederversammlung der DFL beschlossen werden, anschließend folgen DFB-Generalversammlung & -Bundestag. Vor dem 12.12.2012 findet die Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli statt und eben deshalb muss dieses Papier im Vorfeld diskutiert werden, damit ein Antrag und ein Beschluss der JHV, die es unserem Vorstand explizit verbietet diesem Konzeptpapier zuzustimmen, möglich ist.


6 Antworten auf „Non established.“


  1. 1 Jeky 10. Oktober 2012 um 9:44 Uhr

    Die Inhalte des Papiers sind mir en derail schon länger bekannt, allerdings gehe ich -aus Gründen- davon aus, dass es ohne die Beteiligung von Dr. Stenger inhaltlich in diversen Punkten noch wesentlich schlimmer gekommen wäre. In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Frage, ob eine protestbegründete Abwesenheit einzelner Eingeladener wie z.B. der Vertreter von Union Berlin wirklich so sinnvoll und lobenswert ist, wie zu lesen war. Durch Abwesenheit schwindet die Möglichkeit der Einflussnahme. An der ein oder anderen Stelle wäre es sicher besser gewesen, wenn sich mehr als nur einer dagegen ausgesprochen hätte.

    Das andere Blog, wo meine Kommentare nicht erwünscht sind, hat das ja sehr schön im Einzelnen aufgeschlüsselt und die Kritik ist gerechtfertigt, was den deutlich überwiegenden Teil der Inhalte angeht. Ich schließe mich allerdings der Aussage, dass die Anwesenheit eines Dr. Stenger ein guter Grund für eine JHV-Abwahl ist, eindeutig nicht an. Abwesenheit ist auch Abwesenheit von Einflußnahme. Oder wäre durch die Anwesenheit eines Fanvertreters auch die Anwesenheit eines Dr. Gernot Stenger „legalisiert“ gewesen? Oder wäre jetzt ein Fanvertreter, dem keine wesentlichen Änderungen gelungen wären, auch eine persona non grata nur durch Anwesenheit?

    Hier wird wieder eine namentlich benannte Sau gesucht, die man durchs st. paulianische Dorf treiben kann. Schade, dass es einen erwischt, dem Fanbelange nicht total egal sind.

    Reiben sollte man sich an den Vereinsvertretern, denen das wirklich alles total egal ist und auch teilweise ganz gelegen kommt. Es gibt Vereine, die brauchen keine DFB/DFL-Statuten, um seltsame Verbote auszusprechen, sie tun es bereits jetzt.

  2. 2 Administrator 10. Oktober 2012 um 19:37 Uhr

    In unserem Artikel wurde das Fernbleiben von Union Berlin nicht thematisiert. Auch fordern wir in diesem Artikel keine Abwahl von Dr. Gernot Stenger – das ist Interpretation. Die einzige Forderung, die unsererseits formuliert wurde, ist die, dem Konzeptpapier nicht zuzustimmen.
    Das in diesem Zusammenhang vielleicht der Wunsch nach einer Abwahl mitschwingt, mag jeder anders interpretieren.

    Möglicherweise wäre es durch Abwesenheit von Dr. Gernot Stenger noch schlimmer gekommen – dieser Argumentationsstrang ist doch ein immer wiederkehrendes Dilemma: Bevor man sich gegen ein System, eine Idee, eine Entscheidung in der Gesamtheit auflehnt, nutzt man den bequemen Weg des Kompromisses. Ebenso wiederholt sich doch immer wieder der selben Gedankengang: es gibt schlimmeres. Ja, es gibt Vereine, die seltsame Verbote aufstellen. Ja, es gibt Entscheidungen, die absolut fragwürdig sind. Es gibt immer die Möglichkeit ungute Dinge mit anderen unguten Dingen zu vergleichen – das ändert an der Gesamtheit der Dinge aber nichts.

    Es geht vor allem auch nicht darum, „eine namentlich benannte Sau (…) durchs st. paulianische Dorf“ zu treiben – es geht darum Verantwortliche zu benennen. Es ist nun einmal Fakt, dass Dr. Gernot Stenger an diesem Papier mitgearbeitet hat und dies sollte nun nicht verschwiegen werden, nur damit sich ja auch niemand mit dieser Kritik auseinander setzen muss. Wo kommen wir denn dahin?!

    Worum es aber nebendran auch noch geht & das hat das andere Blog ganz wunderbar gesagt, es geht darum dieses Konzeptpapier zu verhindern, denn

    „Die DFL versucht hier mit aller Macht, grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien für Fußballfans außer Kraft zu setzen. Sie versucht, ein eigenes Recht einzuführen und die kritische Kurve mundtot zu machen. Kurzum: Sie versucht, den Fußball grundlegend zu verändern!“

  3. 3 Jeky 12. Oktober 2012 um 10:05 Uhr

    Das Fernbleiben von Union und eine Abwahl von Dr. Stenger wurden von Ihnen nicht thematisiert. Korrekt. Aber von mir. Hätte ich das nicht gedurft?
    Ich dachte, im Zusammenhang mit dem ausführlichen und detaillierten Beitrag im anderen Blog könnte man gefahrlos herstellen.

    „dieser Argumentationsstrang ist doch ein immer wiederkehrendes Dilemma“ war kein Argumentationsstrang, zumindest nicht als solcher gedacht, sondern lediglich eine persönliche Vermutung, die an der Unsäglichkeit dieses Papiers auch nichts ändert. Aber wenig bis gering ist faktisch besser als nichts. Dieses „Nichts“, was man mit Schweigen oder Fernbleiben manifestiert.

    Entschuldigung, wenn ich gestört habe.

  4. 4 Administrator 12. Oktober 2012 um 10:45 Uhr

    Natürlich dürfen Sie. Immer. Und gestört haben Sie auch nicht. Gar nicht.

  5. 5 Unioner 20. Oktober 2012 um 21:38 Uhr

    Union ist dem Treffen ferngeblieben, weil man diese Vereinbarung (als einziger Verein!) nicht unterschreiben wollte, da die Inhalte vorher nicht mit den Menschen diskutiert werden konnten, die es im wesentlichen betrifft – die Fans! Der Verein hat außerdem zu diesem Fernbleiben nicht geschwiegen. Ganz im Gegenteil! Das ist sicherlich deutlich mehr als „Nichts“.

  6. 6 Unioner 24. Oktober 2012 um 11:07 Uhr

    Nachtrag:

    Sprechen wir über den Sicherheitsgipfel am 17. Juli 2012 in Berlin. Sie sind diesem als einziger Vereinsvertreter von den 36 Profiklubs ferngeblieben. Warum?

    Wir wurden frühzeitig über den Termin informiert. Dabei hieß es, dass wir rechtzeitig mit Materialien und Themen versorgt werden. Die kamen allerdings erst am Vortag, um 15 Uhr. Der Gipfel fand am nächsten Morgen statt. Bei uns ist es üblich, dass wir über Dinge, welche die Fanszene betreffen, auch mit dieser zu diskutieren. Es war uns in der Kürze der Zeit schlichtweg nicht möglich, dazu eine Positionierung auszuarbeiten. Wir haben dem Ligaverband und allen anderen Vereinsvertretern mitgeteilt, dass wir nicht kommen werden.

    http://www.11freunde.de/interview/union-berlin-praesident-dirk-zingler-ueber-fans-und-verbaende

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